Portrait of Felix Giesen by Luis Bortt

*1999 in Bocholt; lives and works in Düsseldorf


An Artist Interview #47

Felix Giesen

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Felix Giesen

Felix Giesen
Glaubensbrüder (l.) Kreuzabnahme Deutschlands (r.), 2026
Oil & UV-print on wood
30 x 40 cm / 220 x 180 cm

In your artistic work, you explore the field of student fraternities. How do you approach this milieu, and how is this reflected in your work?

What interests me most about student fraternities is the way they present masculinity, a sense of belonging and tradition. Fraternities that practise duelling, in particular, strike me as a milieu in which historical rituals and imagery are still upheld today. At the same time, there is a strong aesthetic within them characterised by uniformity, physicality, flags, scars, gestures and specific choreographies.

For some of my work, I approach this milieu in a very direct and documentary style. For the piece Kreuzabnahme Deutschlands, for example, I travelled to Eisenach to attend the Burschentag and took photos there. To get as close as possible to the groups, I blended in with my appearance: corduroy trousers, a blue shirt, and neatly combed hair. This form of camouflage was essential to be able to photograph people from close range: faces, expressions, postures, small identifying features and physical details.

The photographs are later used, amongst other things, as training material for my own AI models. This creates a shift: the documentary image is not simply reproduced, but transformed, in an attempt to ‘unload’ the material (even if this ultimately remains impossible). At the same time, this process forms the basis for further thematic areas of my work. My engagement with student fraternities is not a closed subject, but part of a broader interest in collective images of identity, ritual, belonging, memory and the construction of masculinity.

In deiner künstlerischen Arbeit setzt du dich mit Studentenverbindungen auseinander. Wie näherst du dich diesem Milieu an und welchen künstlerischen Ausdruck findet dies in deinen Werken?

Mich interessiert an Studentenverbindungen vor allem die Inszenierung von Männlichkeit, Zugehörigkeit und Tradition. Besonders schlagende Burschenschaften erscheinen mir wie ein Milieu, in dem historische Rituale und Bilder bis heute weitergetragen werden. Gleichzeitig existiert darin eine starke Ästhetik aus Uniformität, Körperlichkeit, Fahnen, Narben, Gesten oder bestimmten Choreografien.

Für einige Arbeiten nähere ich mich diesem Umfeld sehr direkt und dokumentarisch an. Für die Arbeit Kreuzabnahme Deutschlands bin ich beispielsweise zum Burschentag nach Eisenach gereist und habe dort fotografiert. Um möglichst nah an die Gruppen heranzukommen, habe ich mich äußerlich angepasst, Cordhose, blaues Hemd, geschniegelte Haare. Diese Form der Tarnung war wichtig, um die Menschen aus unmittelbarer Nähe fotografieren zu können: Gesichter, Schmisse, Haltungen, kleine Identifikationsmerkmale und körperliche Details.

Die Fotografien dienen später unter anderem als Trainingsmaterial für meine eigenen KI-Modelle. Dadurch entsteht eine Verschiebung: Das dokumentarische Bild wird nicht einfach reproduziert, sondern transformiert, mit dem Versuch einer „Entladung“ des Materials (auch wenn diese letztlich unmöglich bleibt). Gleichzeitig bildet dieser Prozess die Grundlage für weitere thematische Felder meiner Arbeit. Die Auseinandersetzung mit Studentenverbindungen ist dabei kein abgeschlossenes Sujet, sondern Teil eines breiteren Interesses an kollektiven Bildern von Identität, Ritual, Zugehörigkeit, Erinnerung und der Konstruktion von Männlichkeit.

by Felix Giesen

Felix Giesen
Die Prüfung, 2026
Oil & UV-print on wood
30 x 40 cm

by Felix Giesen

Felix Giesen
Das Rudel, 2026
Oil & UV-print on wood
30 x 40 cm

We often spot your face in multi-layered compositions. What happens when you put yourself in the picture?

This changes the whole dynamic of the images for me. As soon as my own face appears, it is no longer just about depicting a particular milieu or group, but also about my own position within these worlds. I want to avoid simply pointing at ‘the others’ from a safe distance.

By using AI to superimpose my face onto historical or documentary footage, a kind of shift in identity occurs. I find myself simultaneously in the roles of observer, participant and projection. This makes the image more ambiguous, as it is no longer clear where documentation ends and staging begins.

I work with a deepfake model of my own face. Only my own face is superimposed onto the photographs and image sources that I feed into my models. This ensures that no other faces form part of the actual training material or the final image output. I am also interested in this method because it keeps the ‘genetics’ of the images ‘pure’, so to speak, and the works repeatedly revolve around the same identity, much like patriarchal structures constantly reproduce themselves by having their mechanisms revolve around the same images, roles and power relations.

The works make deliberate use of this artificial form of cohesion to reveal systems that continually reaffirm and perpetuate their own logic. The constant recurrence of the same face serves less to create an individual portrait than to symbolise the self-referential nature of such power structures.

Oft können wir dein Gesicht in vielschichtigen Kompositionen entdecken. Was passiert, wenn du dich selbst ins Bild platzierst?

Dadurch verändert sich für mich die gesamte Dynamik der Bilder. Sobald mein eigenes Gesicht auftaucht, geht es nicht mehr nur um die Darstellung eines bestimmten Milieus oder einer Gruppe, sondern auch um meine eigene Position innerhalb dieser Welten. Ich will vermeiden, aus sicherer Distanz einfach auf „die Anderen“ zu zeigen.

Indem ich mein Gesicht mittels KI in historische oder dokumentarische Aufnahmen integriere, entsteht eine Art Identitätsverschiebung. Ich bewege mich gleichzeitig zwischen Beobachter, Teilnehmer und Projektion. Das Bild wird dadurch ambivalenter, weil nicht mehr klar ist, wo Dokumentation endet und Inszenierung beginnt.

Ich arbeite dabei mit einem Deepfake-Modell meines eigenen Gesichts. Auf die Fotografien und Bildquellen, die ich in meine Modelle einspeise, wird ausschließlich mein eigenes Gesicht übertragen. Dadurch werden keine fremden Gesichter Teil des eigentlichen Trainingsmaterials oder der finalen Bildproduktion. Mich interessiert diese Methode auch deshalb, weil die „Genetik“ der Bilder dadurch gewissermaßen „rein“ bleibt und sich die Arbeiten immer wieder um dieselbe Identität drehen, ähnlich wie sich auch patriarchale Strukturen permanent selbst reproduzieren, indem ihre Mechanismen um dieselben Bilder, Rollen und Machtverhältnisse kreisen.

Die Arbeiten nutzen diese bewusst künstliche Form von Geschlossenheit, um Systeme sichtbar zu machen, die ihre eigene Logik immer wieder bestätigen und fortschreiben. Die ständige Wiederkehr desselben Gesichts erzeugt dabei weniger ein individuelles Porträt als vielmehr ein Symbol für die Selbstreferentialität solcher Machtstrukturen.

by Felix Giesen

Felix Giesen
Vollzug, 2026
Oil & UV-print on wood
80 x 130 cm

Your work operates at the intersection of various media. What is your creative process like, from the initial idea to the ‘finished’ image?

The creative process usually begins with some research or with the emergence of a particular image, symbol or atmosphere that I simply cannot get out of my head. These might be historical photographs, Instagram pictures of student fraternities, found objects or my own photographs. I often start by collecting a great deal of material, almost like a visual archive.

What follows is a rather experimental process. I take the photographs myself, train AI models using my own image data, and use this to generate new visual scenarios. I am less interested in creating the perfect AI illusion than in capturing the moment when the images become unstable, when errors, overlaps or strange distortions occur.

The digital images then serve as a starting point for the physical work. I work extensively with printing techniques, transfers and overpainting. The images are transferred onto wood or canvas, sometimes layered multiple times on top of one another, and then treated with paint. What interests me is how an originally digital image suddenly acquires a material presence. Through varnishes, layers of print, painterly interventions or visible surfaces, something emerges that oscillates between digital rendering and classical painting.

Deine Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle verschiedener Medien. Wie verläuft dein Arbeitsprozess, vom ersten Impuls bis zum „fertigen“ Bild?

Der Arbeitsprozess beginnt meistens mit einer Recherche oder mit dem Auftauchen eines bestimmten Bildes, Symbols oder einer Atmosphäre, die mich nicht mehr loslässt. Das können historische Fotografien, Instagram Bilder von Studentenverbindungen, gefundene Objekte oder eigene Aufnahmen sein. Oft sammle ich zunächst sehr viel Material, fast wie ein visuelles Archiv.

Danach beginnt ein eher experimenteller Prozess. Ich fotografiere selbst, trainiere KI-Modelle mit eigenen Bilddaten und generiere daraus neue Bildsituationen. Dabei interessiert mich weniger die perfekte KI-Illusion als vielmehr der Moment, in dem die Bilder instabil werden, wenn Fehler, Überlagerungen oder seltsame Verschiebungen entstehen.

Die digitalen Bilder dienen anschließend als Ausgangspunkt für die physische Arbeit. Ich arbeite viel mit Drucktechniken, Transfers und Übermalungen. Die Bilder werden auf Holz oder Leinwand übertragen, teilweise mehrfach übereinandergeschichtet und anschließend malerisch bearbeitet. Mich interessiert dabei, wie ein ursprünglich digitales Bild plötzlich eine materielle Präsenz bekommt. Durch Lacke, Druckschichten, malerische Eingriffe oder sichtbare Oberflächen entsteht etwas, das zwischen digitalem Rendering und klassischer Malerei oszilliert.

Felix Giesen

Felix Giesen
Schießbudenarchiv, 2026
Oil & UV-print on wood
30 x 40 cm (each)

In many of your works, you incorporate found objects and/or objects with strong symbolic significance. How does their meaning and impact change once they are incorporated into your works?

I am interested in orders, medals, flags and even visual imagery as objects imbued with powerful symbolic significance. They already carry within them history, ideologies and certain notions of belonging or artificially constructed masculinity before they become part of my work.

What interests me is how far an object or image must be transformed in order to be detached from its original function. When I sand down a medal, for example, I am not only removing material, but also setting aside its original purpose, such as crowning Heinz-Dieter as the champion shot, so that it can serve me as a toy within the context of art. This also applies, in a similar way, to visual material that loses its original clarity through AI, printing or painterly interventions.

As a result of these shifts, the materials suddenly oscillate between historical relic, surface, fetish and image fragment. It is precisely this state that interests me.

In vielen deiner Arbeiten integrierst du gefundene und/oder symbolisch stark aufgeladene Objekte. Wie verändert sich deren Bedeutung und Wirkung, sobald sie Eingang in deine Arbeiten finden?

Orden, Medaillen, Fahnen oder auch Bildmaterial interessieren mich als stark aufgeladene Materialien. Sie tragen bereits Geschichte, Ideologien und bestimmte Vorstellungen von Zugehörigkeit oder künstlich aufgeladener Männlichkeit in sich, bevor sie Teil meiner Arbeiten werden.

Mich interessiert dabei, wie weit ein Objekt oder Bild transformiert werden muss, um sich von seiner ursprünglichen Funktion zu lösen. Wenn ich beispielsweise einen Orden abschleife, entferne ich damit nicht nur Material, sondern lege auch seine ursprüngliche Aufgabe nieder, etwa Heinz-Dieter zum Schützenkönig zu krönen, damit er mir als Spielzeug innerhalb der Kunst dienen kann. Ähnlich funktioniert es für mich auch mit Bildmaterial, das durch KI, Druck oder malerische Eingriffe seine ursprüngliche Eindeutigkeit verliert.

Durch diese Verschiebungen bewegen sich die Materialien plötzlich zwischen historischem Relikt, Oberfläche, Fetisch und Bildfragment. Genau dieser Zustand interessiert mich.

Felix Giesen

by Felix Giesen
Für Verdienste, 2026
Oil, collage & UV-print on linen
200 x 180 cm

What role do painterly elements play in your work, particularly in terms of alienating, shifting or reimagining the images?

These painterly interventions arise from an attempt to remove digital images from their original context and give them a physical presence. I am less interested in translating a digital motif into ‘classical’ painting than in exploring how the logic of digital images can be shifted, both temporally and materially, through painterly processes.

Through crackle-glaze techniques, artificial craquelure or transfer onto coarse linen, I attempt to imbue AI-generated images with a sense of history. I am interested in the idea of a ‘backward-thinking’ image – an image that has been created using new technology, yet looks as though it has already survived for decades, undergone ageing processes or been subject to conservation work. Almost as if someone wearing white gloves were compulsively trying to keep an idea from the past alive.

For me, therefore, engaging with painting and the Old Masters is not a nostalgic return to the past, but rather an exploration of the mechanisms of authority and belief in images. Historically, painting possesses a particular kind of aura, durability and cultural legitimacy. It is precisely these attributes that interest me, in contrast to digital and AI-generated images, which are typically characterised by speed, reproducibility and constant circulation.

These painterly interventions therefore serve less as decoration and more as a disruption within digital perfection. They introduce friction, material resistance and traces of time into images that originally had no physical origin. This creates a tension between surface and origin, between algorithmic production and the desire for authenticity, history and authorship.

Welche Rolle spielen malerische Elemente in deinen Arbeiten, insbesondere im Hinblick auf Verfremdung, Verschiebung oder Neuaufladung der Bilder?

Die malerischen Eingriffe entstehen aus dem Versuch, digitale Bilder aus ihrer ursprünglichen Zirkulation herauszulösen und ihnen eine physische Präsenz zu geben. Mich interessiert dabei weniger die Übersetzung eines digitalen Motivs in „klassische“ Malerei, sondern vielmehr die Frage, wie sich digitale Bildlogiken über malerische Prozesse zeitlich und materiell verschieben lassen.

Durch Risslacktechniken, künstliche Krakeleen oder die Übertragung auf grobes Leinen versuche ich, KI-generierten Bildern eine scheinbare Vergangenheit einzuschreiben. Mich interessiert die Idee eines rückwärtsgedachten Bildes – eines Bildes, das technisch neu entstanden ist, aber aussieht, als hätte es bereits Jahrzehnte überlebt, Alterungsprozesse durchlaufen oder konservatorische Eingriffe hinter sich. Fast so, als würde jemand mit weißen Handschuhen zwanghaft versuchen, eine Idee von früher am Leben zu halten.

Die Beschäftigung mit Malerei und den Alten Meistern ist für mich deshalb auch keine nostalgische Rückkehr, sondern eine Auseinandersetzung mit den Mechanismen von Autorität und Bildglauben. Historisch besitzt Malerei eine besondere Form von Aura, Dauerhaftigkeit und kultureller Legitimation. Genau diese Zuschreibungen interessieren mich im Kontrast zu digitalen und KI-generierten Bildern, die normalerweise durch Geschwindigkeit, Reproduzierbarkeit und permanente Zirkulation geprägt sind.

Die malerischen Eingriffe funktionieren deshalb weniger dekorativ, sondern eher als Bruch innerhalb der digitalen Perfektion. Sie erzeugen Reibung, Materialwiderstand und Spuren von Zeit in Bildern, die ursprünglich keinen physischen Ursprung besitzen. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen Oberfläche und Herkunft, zwischen algorithmischer Produktion und dem Wunsch nach Authentizität, Geschichte und Autorenschaft.

by Felix Giesen

Felix Giesen
Ordensträger, 2025
Oil & UV-print on linen
160 x 130 cm

by Felix Giesen

Felix Giesen
Ohne Herde, 2025
Oil & UV-print on linen
180 x 150 cm

Your compositions often seem to be a distillation of various visual sources. How exactly do you develop these visual spaces in which multiple motifs, time periods and levels come together?

I am less interested in pinpointing the exact time period of an image than in inventing my own visual realities. Although many of the motifs originate from historical or contemporary contexts such as demonstrations, archives or pop-culture images, the editing process detaches them from their original time period.

This creates visual spaces somewhere between Hänsel and Gretel and Faserland. After all, one has to place oneself somewhere. I am particularly interested in this borderline area bordering on the fairy-tale-like, where images begin to develop their own logic and reality suddenly becomes unstable.

Deine Kompositionen wirken oft wie eine Verdichtung verschiedener Bildquellen. Wie genau entwickelst du diese Bildräume, in denen mehrere Motive, Zeiten und Ebenen zusammenfinden?

Mich interessiert weniger die eindeutige Verortung eines Bildes in einer bestimmten Zeit, sondern eher das Erfinden eigener Bildrealitäten. Viele Motive stammen zwar aus historischen oder zeitgenössischen Kontexten wie Demonstrationen, Archiven oder popkulturellen Bildern, werden durch die Bearbeitung aber aus ihrer eigentlichen Zeit herausgelöst.

Dadurch entstehen Bildräume irgendwo zwischen Hänsel und Gretel und Faserland. Man muss sich ja schließlich irgendwo einordnen. Mich interessiert genau dieser Randbereich zum Märchenhaften, in dem Bilder anfangen, ihre eigene Logik zu entwickeln und Realität plötzlich instabil wird.

Felix Giesen

Felix Giesen
Bund ohne Farben, 2025
Oil & UV-print on wood
30 x 40 cm (each)

Felix Giesen

Photo: Luis Bortt

by Felix Giesen

by Felix Giesen

Felix Giesen

by Felix Giesen

by Felix Giesen

by Felix Giesen

Felix Giesen

interview


Leopold Schaefer
Luis Bortt